Leseprobe – Noah von Sebastian Fitzek

Das Buch Noah von Sebastian Fitzek habe ich Euch bereit in meinem Blog vorgestellt.

Hier kommt nun die dazugehörige Leseprobe:

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

Noah

Zur Geburt Jesu Christi lebten dreihundert Millionen Menschen auf unserem Planeten.
Heute sind es sieben Milliarden.
In jeder Minute kommen 156 weitere Menschen hinzu.

Stufe I

Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt, doch im Schlummer wendet sich jeder von dieser ab an seine eigene.

Heraklit

1. Kapitel

Alicia wurde von der Stille geweckt. Sonst waren es die Schreie, die sie in unregelmäßigen Abständen aus dem Schlaf hochschrecken ließen, doch heute Nacht war es anders. Heute Nacht blieb es stumm an ihrer Brust.

»Noel?«, flüsterte sie und tastete nach dem Köpfchen ihres Sohnes. Es war kurz vor ein Uhr morgens, also gab es vermutlich keinen Strom in Lupang Pangako, der »Endstation«, wie Quezon Citys größter Slum im Großraum Manila von den Bewohnern genannt wurde. Doch selbst wenn sie Licht hätte  machen können, hätte Alicia sich dagegen entschieden.

Jay schlief, und das war ein Segen. Sie wollte ihren Siebenjährigen nicht wecken, sonst würde er sich wieder daran erinnern, dass es gestern nichts zu essen gegeben hatte.

»Gleich, mein Schatz«, hatte sie spätabends auf seine ungeduldigen Fragen reagiert und dabei das köchelnde Wasser umgerührt. »Du hattest einen anstrengenden Tag in Payatas. Ruh dich aus, ich weck dich, sobald die Suppe fertig ist.« Er hatte genickt, mit der ernsten Miene seines Vaters Christopher, die Augen gerötet vom vielen Reiben, aber gegen die Dämpfe auf der größten philippinischen Müllkippe war man einfach machtlos. Zehntausend »Scavangers« arbeiteten dort, Aasgeier, wie sie sich selbst bezeichneten – die Hälfte von ihnen Kinder wie Jay, immer mit dem Schlachtruf »Einhundert« auf den Lippen, sobald ein neuer Müllwagen aus der 12-Millionen-Metropole eintraf. »Einhundert« stand für »Einhundert Pesos«, der  Preis für ein Kilo Kupferdraht. Mit Metall konnte man sehr viel mehr als mit Plastik verdienen, weswegen Jay zehn Stunden des Tages damit verbrachte, Autoreifen und Elektrokabel zu verbrennen, um das billige Gummi von dem wertvollen Rohstoff zu lösen.

Zum Glück war er ein folgsamer Junge und hatte sich gestern in seine Ecke auf den mit Sand ausgestopften Reissack gelegt, ohne zuvor in den Topf auf der Feuerstelle zu blicken. Sonst hätte Alicia ihm erklären müssen, weshalb sich nichts als Wasser und Kiesel darin befanden.

Mein Kind hungert, und ich koche Steine.

Alicia wunderte sich, dass sie überhaupt noch die Kraft zum Weinen fand. Zum Stillen fehlte sie ihr anscheinend.

»Noel?«

Sie versuchte vergeblich, ihren kleinen Finger zwischen die Lippen des Neugeborenen zu stecken. Sechs Tage war er jetzt alt, und anfangs hatte er noch mit Inbrunst an allem genuckelt, was sein Mund berührte. Heute ballte er nicht einmal mehr die Fäustchen.

Seit sie vor zwei Jahren zum ersten Mal den Fuß in diese Schattenwelt gesetzt hatte, wurde sie das Gefühl nicht los, in einem umgekippten Bienenstock zu leben. Zehntausende Seelen, zusammengepfercht am Rande der Müllkippe, verschmolzen in Lupang Pangako zu einem lebenden Organismus. Eine sich windende und wachsende Wellblechschlange, gespeist von einem niemals abreißenden Nachschub an menschlichem Strandgut, eingehüllt in eine Wolke ätzend säuerlichen Gestanks nach Abfall und Exkrementen.

Hin und wieder häutete sich die Schlange, Wirbelstürme und Regenfälle rissen ganze Wohnstreifen ab und trieben sie mitsamt ihrem kläglichen Inhalt wie Plastiktüten vor sich her. Viele schon hatten versucht, die Schlange zu töten. Gedungene Helfer legten Feuer, Planierraupen überrollten »versehentlich« schlafende Familien. Oder die Schlange vergiftete sich selbst, indem sie ihre Kinder in dem grünbräunlichen Fluss badete, in dem wegen der eingeleiteten Industriebrühe schon lange keine Fische mehr schwammen.

Doch Alicia wusste, sie hätte es noch schlechter treffen können. Ihre Hütte im Herzen des Slums war groß, ganze vier Quadratmeter für nur sechs Personen, und ihre Wände bestanden aus festen Kartonbrettern, nicht aus einer losen Plane wie die der Nachbarbehausung. Seit einem halben Jahr, seitdem ihr Mann Christopher nicht mehr lebte und ihre zwei Brüder in der Stadt auf einer Baustelle übernachten durften, hatten sie genügend Platz gehabt, und Jay musste nicht im Sitzen schlafen, so wie sie selbst es tat. Angelehnt an den Sperrholzverschlag für die Notdurft, das Baby an die ausgedörrte Brust gepresst, hatte sie versucht, die Augen zu schließen, und war tatsächlich für einige Stunden in einen Traum von einem besseren Leben gesunken, das sie aus dem Fernsehen kannte. Auch sie hätte sich hinlegen, die Beine ausstrecken können, Platz war genug, aber sie hatte Angst vor den Ratten. Letzte Woche erst hatten sie dem Säugling ihrer besten Freundin in den großen Zeh gebissen. Das Fieber hatte das zehn Wochen alte Mädchen nicht überlebt.

Und wird Gott dich auch zu sich nehmen, Noel? Ist das sein Plan?

Noch war ihr Baby nicht gestorben, wie sie erleichtert feststellte. Noch hörte sie seinen rasselnden Atem, zitternd wie der eines alten Mannes. Sie spürte Noels Bauch hart und unnachgiebig mit jedem Atemzug gegen ihre Hand drücken. Und in dem fahlen Mondlicht, das durch die Lücke im Wellblech fiel, sah sie seine großen Augen. Dunkel glänzend wie Klavierlack.

Hier geht es zur Ausführlichen Leseprobe.

Copyright © 2013 by Bastei Lübbe AG, Köln

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Leseprobe – Eine Handvoll Worte von Jojo Moyes

Veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Oktober 2013 Copyright © 2012 by Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Steinerne Furt 67, Augsburg
Bild © Sarah Gibb

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Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!
Anbei dein Geburtstagsgeschenk, das dir hoffentlich gefällt …
Heute denke ich besonders an dich … weil ich zu dem Schluss gekommen bin, dass ich nicht in dich verliebt bin, obwohl ich dich liebe. Ich habe nicht das Gefühl, dass du der von Gott für mich Ausersehene bist. Trotzdem hoffe ich sehr, dass dir mein Geschenk gefällt und du einen wunderschönen Geburtstag hast.
Frau an Mann, per Brief

Prolog – Bis später x

Ellie Haworth hat ihre Freunde in der dichtgedrängten Menge entdeckt und bahnt sich einen Weg durch die Bar. Sie stellt die Tasche neben ihren Füßen ab und legt ihr Handy auf den Tisch. Die anderen sind schon ziemlich angeheitert – man merkt es an ihren lauten Stimmen, den ausholenden Armbewegungen, dem kreischenden Gelächter und den leeren Flaschen auf dem Tisch.
«Zu spät.» Nicky streckt ihr das Handgelenk mit der Armbanduhr entgegen und droht mit dem Zeigefinger. «Lass mich raten. Du musstest noch einen Artikel zu Ende schreiben!»
«Interview mit der betrogenen Ehefrau eines Abgeordneten. Tut mir leid. Es war für die Ausgabe morgen», sagt Ellie, lässt sich auf einen freien Stuhl fallen und schenkt sich aus einer angebrochenen Weinflasche ein Glas ein. Sie schiebt ihr Handy über den Tisch. «Okay. Das Unwort des Abends: ‹später›.»
«Später?»
«Als Schlussformel. Bedeutet das, er meldet sich morgen oder heute noch? Oder ist es nur so eine grässliche Floskel, die eigentlich überhaupt nichts zu sagen hat?»
Nicky schaut auf das leuchtende Display. «Da steht ‹Bis später› und ein ‹x›. Das ist wie ‹Gute Nacht›. Ich würde sagen, es heißt morgen.»
«Auf jeden Fall morgen», sagt Corinne. «‹Später› heißt immer morgen.» Sie hält kurz inne. «Es könnte auch übermorgen bedeuten.»
«Jedenfalls klingt es sehr unverbindlich.»
«Unverbindlich?»
«Das könnte man auch dem Postboten schreiben.»
«Du würdest deinem Postboten einen Kuss schicken?»
Nicky grinst. «Kann schon sein. Er sieht toll aus.»
Corinne betrachtet die Nachricht auf dem Display. «Das ist nicht gerade fair. Es könnte doch einfach nur heißen, dass er in Eile war und noch etwas anderes vorhatte.»
«Ja. Mit seiner Frau zum Beispiel.»
Ellie wirft Douglas einen warnenden Blick zu.
«Was denn?», verteidigt er sich. «Ich meine ja bloß: Seid ihr nicht über den Punkt hinaus, an dem du stundenlang eine SMS dechiffrieren musst?»
Ellie kippt ihren Wein herunter und beugt sich dann über den Tisch. «Okay. Ich brauche noch was zu trinken, wenn ich mir jetzt Vorträge anhören muss.»
«Wenn du mit jemandem so vertraut bist, dass du in seinem Büro Sex mit ihm hast, dann solltest du ihn doch bitten können klarzustellen, wann ihr euch zum Kaffee trefft.»
«Was steht denn sonst noch in der SMS? Und sag mir jetzt bitte nicht, es geht um Sex in seinem Büro.»
Ellie schaut auf ihr Handy und scrollt durch die Textnachricht. «‹Schwierig, von zu Hause anzurufen. Dublin nächste Woche, Planung aber noch nicht sicher. Bis später x.›«
«Er hält sich alles offen», sagt Douglas.
«Außer, die genaue Planung ist wirklich noch nicht sicher.»
«Dann hätte er gesagt ‹Rufe aus Dublin an›. Oder auch ‹Ich fliege mit dir nach Dublin›.»
«Nimmt er seine Frau mit?»
«Macht er nie. Das ist eine Geschäftsreise.»
«Vielleicht nimmt er eine andere mit», murmelt Douglas in sein Bierglas.
Nicky schüttelt nachdenklich den Kopf. «Mein Gott, war das Leben nicht einfacher, als die Männer dich noch anrufen und mit dir sprechen mussten? Da konnte man wenigstens am Klang ihrer Stimme erkennen, woran man war.»
«Ja», schnaubt Corinne. «Und man konnte stundenlang zu Hause neben dem Telefon sitzen und darauf warten, dass sie anrufen.»
«Oh, all die Abende, die ich damit zugebracht habe …»
«… das Freizeichen zu prüfen …»
«… und dann den Hörer aufzuknallen für den Fall, dass er genau in diesem Augenblick doch anruft.»
Ellie hört sie lachen und weiß, dass ihre Scherze einen wahren Kern haben, denn insgeheim wartet auch sie darauf, dass das Display plötzlich aufleuchtet, weil jemand anruft. Aber dieser Anruf wird in Anbetracht der späten Uhrzeit und des Umstands, dass es gerade «schwierig zu Hause» ist, nicht kommen.

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Leseprobe – tschick von Wolfgang Herrndorf

Neueinsteiger in den Spiegel-Bestsellern 18 / 2015

Copyright © 2010 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin

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Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffeemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen. Um ehrlich zu sein, es ist nicht nur Blut. Als der Ältere « vierzehn » gesagt hat, hab ich mir in die Hose gepisst. Ich hab die ganze Zeit schräg auf dem Hocker gehangen und mich nicht gerührt. Mir war schwindlig. Ich hab versucht auszusehen, wie ich gedacht hab, dass Tschick wahrscheinlich aussieht, wenn einer « vierzehn » zu ihm sagt, und dann hab ich mir vor Angst in die Hose gepisst.
Maik Klingenberg, der Held. Dabei weiß ich gar nicht, war um jetzt die Aufregung. War doch die ganze Zeit klar, dass es so endet. Tschick hat sich mit Sicherheit nicht in die Hose gepisst. Wo ist Tschick überhaupt ? Auf der Autobahn hab ich ihn noch gesehen, wie er auf einem Bein ins Gebüsch gehüpft ist, aber ich schätze mal, sie haben ihn auch gekriegt. Mit einem Bein kommt man nicht weit. Fragen kann ich die Polizisten natürlich nicht. Weil , wenn sie ihn nicht gesehen haben, ist es logisch besser, gar nicht damit anzufangen. Vielleicht haben sie ihn ja nicht gesehen. Und von mir erfahren sie’s mit Sicherheit nicht. Da können sie mich foltern. Obwohl die deutsche Polizei, glaube ich, niemanden foltern darf. Das dürfen die nur im Fernsehen und in der Türkei.
Aber vollgeschifft und blutig auf der Station der Autobahnpolizei sitzen und Fragen nach den Eltern beantworten ist auch nicht gerade der ganz große Bringer. Vielleicht wäre Foltern sogar ganz angenehm, dann hätte ich wenigstens einen Grund für meine Aufregung.
Das Beste ist Klappe halten, hat Tschick gesagt. Und das seh ich genauso. Jetzt, wo eh alles egal ist. Und mir ist alles egal. Na ja, fast alles. Tatjana Cosic zum Beispiel ist mir natürlich nicht egal. Obwohl ich jetzt schon ziemlich lange nicht mehr an sie gedacht habe. Aber wo ich auf diesem Hocker sitze und draußen die Autobahn vorbeirauscht und der ältere Polizist steht seit fünf Minuten an der Kaffeemaschine dahinten und füllt Wasser ein und kippt es wieder aus, drückt auf den Schalter und schaut das Gerät von unten an, während jeder Depp sehen kann, dass der Stecker vom Verlängerungskabel nicht drin ist, da muss ich wieder an Tatjana denken. Denn genau genommen wäre ich nicht hier, wenn es Tatjana nicht gäbe. Obwohl sie mit der ganzen Sache nichts zu tun hat. Ist das unklar, was ich da rede? Ja, tut mir leid. Ich versuch’s später nochmal. Tatjana kommt in der ganzen Geschichte überhaupt nicht vor. Das schönste Mädchen der Welt kommt nicht vor. Auf der ganzen Reise hab ich mir immer vorgestellt, dass sie uns sehen kann. Wie wir oben aus dem Kornfeld rausgucken. Wie wir mit dem Bündel Schläuche auf dem Müllberg stehen wie die letzten Trottel . . . Ich hab mir immer vorgestellt, Tatjana steht hinter uns und sieht, was wir sehen, und freut sich, wie wir uns freuen. Aber jetzt bin ich froh, dass ich mir das nur vorgestellt hab.
Der Polizist zieht ein grünes Papierhandtuch aus einem Handtuchspender und gibt es mir. Was soll ich damit ? Den Boden aufwischen ? Er fasst mit zwei Fingern an seine Nase und sieht mich an. Ach so. Nase schnäuzen. Ich schnäuze mir die Nase, er lächelt freundlich. Das mit der Folter kann ich mir wohl abschminken. Aber wo hin jetzt mit dem Taschentuch ? Ich schaue suchend auf dem Boden her um. Die ganze Station ist mit grauem Linoleum ausgelegt, genau das gleiche wie in den Gängen zu unserer Turnhalle. Es riecht auch ein bisschen so. Pisse, Schweiß und Linoleum. Ich sehe Wolkow, unseren Sportlehrer, im Trainingsanzug durch die Gänge federn, siebzig Jahre, durchtrainiert : Auf geht’s, Jungs ! Hopp, hopp ! Das Geräusch seiner schmatzenden Schritte auf dem Boden, fernes Gekicher aus der Mädchenumkleide und Wolkows Blick dorthin. Ich sehe die hohen Fenster, die Bänke, die Ringe an der Decke, an denen nie geturnt wurde. Ich sehe Natalie und Lena und Kimberley durch den Seiteneingang der Halle kommen. Und Tatjana in ihrem grünen Trainingsanzug. Ich sehe ihr verschwommenes Spiegelbild auf dem Hallenboden, die Glitzerhosen, die die Mädchen jetzt immer tragen, die Oberteile. Und dass neuerdings die Hälfte von ihnen in dicken Wollpullovern turnt, und mindestens drei haben immer ein Attest vom Arzt. Hagecius-Gymnasium Berlin, achte Klasse.
« Ich dachte, fünfzehn ? », sage ich, und der Polizist schüttelt den Kopf.
« Nee, vierzehn. Vierzehn. Was ist mit dem Kaffee, Horst ? »
« Kaffee ist kaputt », sagt Horst.

Leseprobe – Erbarmen von Jussi Adler Olsen

Ich habe heute ein neues Buch angefangen. Erbarmen von Jussi Adler Olsen. Nach mehreren Büchern auf dem Kindle wieder ein Buch in gedruckter Form. Ich muss sagen, wenn ich nicht gerade unterwegs bin und kein Buch mitschleppen will, fällt die Wahl bei gleichem Preis doch auf die gedruckte Version.

Viel Spaß mit dem Auszug. Mich haben die ersten Seiten überzeugt weiterzulesen.

© 2009 der deutschsprachigen Ausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

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Prolog

Sie kratzte sich an den glatten Wänden die Fingerspitzen blutig und hämmerte mit den Fäusten an die dicken Scheiben, bis sie ihre Hände nicht mehr spürte. Immer wieder tastete sie sich in der vollständigen Dunkelheit bis an die Stahltür heran und bohrte ihre Nägel in den Spalt. Aber die Tür ließ sich keinen Millimeter bewegen, und die Kante war scharf.
Als ihr schließlich die Fingernägel abbrachen, fiel sie keu- chend auf den eiskalten Boden. Ihr Herz klopfte zum Zersprin- gen. Mit aufgerissenen Augen starrte sie in die undurchdring- liche Finsternis. Dann entfuhr ihrer Kehle ein Schrei. Ein Schrei, der ihr in den Ohren gellte, bis die Stimme versagte.
Als sie den Kopf in den Nacken legte, spürte sie wieder die Ahnung frischer Luft, die von der Decke herunterströmte. Wenn sie Anlauf nähme, könnte sie womöglich dort hinauf- springen und sich an irgendetwas festklammern. Vielleicht würde ja doch etwas passieren.
Ja, vielleicht wären die Teufel dort draußen gezwungen, zu ihr hereinzukommen.
Und wenn sie schnell genug war und mit ausgestreckten Fin- gern auf deren Augen zielte, würde es ihr vielleicht gelingen, sie außer Gefecht zu setzen. Und dann konnte sie vielleicht entkommen.
Sie saugte an ihren blutenden Fingern. Dann stützte sie sich mit den Händen vom Fußboden ab und zwang sich auf- zustehen.
Blind starrte sie an die Decke. Wer mochte wissen, wie hoch die Decke war. Wer wusste, ob es überhaupt etwas gab, woran man sich festhalten konnte. Aber sie musste es versuchen. Sie musste einfach!
Sie zog ihre Jacke aus, faltete sie sorgfältig zusammen und legte sie in eine Ecke. Dann setzte sie mit ausgestreckten Armen zum Sprung an – und stieß ins Leere. Ein paarmal wiederholte sie das, lehnte sich schließlich an die Wand und ruhte sich kurz aus. Dann nahm sie erneut Anlauf und sprang mit aller Kraft hoch ins Dunkel. Die Arme ruderten nach irgendetwas Greif- barem, doch wieder fiel sie zurück auf den Boden. Sie rutschte aus, und als sie mit der Schulter auf den Beton aufschlug, ver- suchte sie ein Stöhnen zu unterdrücken, aber als ihr Kopf gegen die Wand knallte und sie Sterne sah, schrie sie laut auf.
Danach lag sie lange Zeit vollkommen still da. Sie hätte gern geweint. Aber wenn die Teufel da draußen sie hören konnten, glaubten sie sicher, sie wolle aufgeben. Doch sie würde nicht aufgeben. Im Gegenteil.
Sie musste auf sich achten. Für ihre Peiniger war sie die Frau im Käfig. Aber über die Abstände zwischen den Gitter- stäben bestimmte sie selbst. Sie würde weiter denken, sich mit ihren Gedanken die Welt öffnen, sie würde ihnen den Gefallen nicht tun und verrückt werden. Es würde ihnen nicht gelingen, ihren Willen zu brechen, niemals. Das beschloss sie dort auf dem eiskalten Boden, und sie spürte kaum den Schmerz in der Schulter und das Pochen über dem rechten Auge, das längst zugeschwollen war.
Früher oder später würde sie ihnen entkommen.

Hier gehts weiter zur ausführlichen Leseprobe.

Leseprobe – Der Killer hat das letzte Wort von Malcolm Mackay

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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Gewinner des »Scottish Crime Book of the Year«

Der Killer hat das letzte Wort von Malcolm Mackay

Vorsicht auf der Treppe. Das wär ’ne tolle Rückkehr, am ersten Tag gleich auf die Nase fallen. Nicht das erste Mal, dass er seit der Hüftoperation wieder im Club ist. In den letzten zwei Wochen war er ständig hier. Damit alle sehen, dass er wieder da ist. Neue Hüfte, derselbe alte Frank. Irgendwer hat die Botschaft kapiert. Heute früh bekam Frank einen Anruf. Von John Young. Young ist die Nummer zwei, Peter Jamiesons rechte Hand. Wenn Young dich anruft und in den Club bestellt, dann gewöhnlich weil Jamieson dich sehen will. Für manche Leute wäre das eine wirklich schlechte Nachricht. Aber nicht für Frank. Die Genesung, der Urlaub  – das war schon in Ordnung. Für eine Weile ganz amüsant. Nett, mal die Füße hochzulegen und nicht an die Arbeit zu denken. Wurde aber bald langweilig. Wenn die Arbeit dein Leben ist, tut ein langer Urlaub nicht gut. War ihm wichtig, wieder einzusteigen. Wieder im Geschäft zu sein. Hat ein paar Wochen gedauert, die Leute zu überzeugen, aber hat offenbar geklappt.

Durch die Flügeltür oben an der Treppe. In den Raum, der inzwischen als Snookersaal dient. Der Club mit der Tanzfläche ist unten, aber der ist für Gäste da. Leute aus dem Geschäft, die wissen, worum es wirklich geht, halten sich eher hier oben auf. Wenn man zur Tür reinkommt, ist zur Rechten die Bar. Überall im Raum stehen Snookertische. Die sind seit ein paar Jahren Jamiesons Leidenschaft. Er hat jede Menge kleine Hobbys. Harmloses Zeug, um sich die Zeit zu vertreiben und den Druck abzubauen. Irgendwann dürfte ihm Snooker langweilig werden, dann wendet er sich was anderem zu. Wahrscheinlich Golf. Im Moment sind es Snooker und Pferderennen.

Für diese Tageszeit nicht besonders viele Leute im Snookersaal. An der Bar ein paar echte Alkoholiker. An den Tischen einige bekannte Gesichter, Leute, die ihre Zeit totschlagen. Einer ist ein Kredithai, den Frank in den letzten Wochen im Club gesehen hat. Scheint oft hier rumzuhängen. Auch Kenny McBride, Jamiesons Fahrer, ist da. Niemand, den man für wichtig halten müsste.

Auf der anderen Seite des Saals ist ein kurzer Flur. Zimmer zu beiden Seiten, Büros, aber nur ein einziges, das wirklich zählt. Links am Ende des Flurs, das von Peter Jamieson. Das Zimmer, von dem aus er seine Organisation leitet. Er hat eine Reihe von legalen Unternehmen wie den Club, aber die dienen nur den illegalen Geschäften. Im Club wird Geld gewaschen; Leute wie Frank sind hier offiziell angestellt, damit sie ihr Einkommen erklären können. Angeblich ist er Sicherheitsberater des Clubs. Der Sicherheitsberater geht den Flur lang und versucht, die letzten Anzeichen seines Hinkens zu verbergen. Er ist fit genug, um zu arbeiten. Das muss er aber allen beweisen. Wenn sie das leichte Hinken sehen,das zurückgeblieben ist, denken sie bestimmt, er ist bloß noch ein alter Krüppel. Er ist jetzt zweiundsechzig, schon ziemlich alt. Aber er ist kein Krüppel. Da legt er Wert drauf.
Er klopft und wartet.

Hier könnt ihr weiter lesen: http://www.fischerverlage.de/

Leseprobe – Ein ganzes halbes Jahr von Jojo Moyes

Copyright © 2013 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Prolog

2007

Als er aus dem Bad kommt, ist sie wach, hat sich gegen das Kopfkissen gelehnt und blättert durch die Reiseprospekte, die neben seinem Bett gelegen haben. Sie trägt eines seiner T-Shirts, und ihr langes Haar ist auf eine Art zerzaust, die ihn unwillkürlich an die vergangene Nacht denken lässt. Er steht im Schlafzimmer und genießt die Erinnerung, während er sich mit einem Handtuch die Haare trocken rubbelt.
Sie schaut von einem Prospekt auf und zieht einen Schmollmund. Sie ist ein bisschen zu alt, um einen Schmollmund zu ziehen, aber sie sind erst so kurz zusammen, dass er es noch süß findet.
«Müssen wir unbedingt einen Berg besteigen oder über einer Schlucht baumeln? Das ist unser erster richtiger Urlaub zusammen, und hier drin gibt es keine einzige Reise, bei der man sich nicht entweder irgendwo runterstürzen oder», sie tut so, als würde sie erschauern, «Fleecejacken tragen muss.»
Sie wirft die Prospekte aufs Bett und streckt ihre karamellfarbenen Arme über dem Kopf. Ihre Stimme ist belegt, weil sie so wenig geschlafen hat. «Wie wär’s mit einem Luxus-Spa in Bali? Da könnten wir am Strand faulenzen … uns stundenlang verwöhnen lassen … lange, entspannende Nächte …»
«So ein Urlaub ist nichts für mich. Ich muss was tun.»
«Zum Beispiel aus Flugzeugen springen.»
«Probier’s doch erst mal aus, bevor du es ablehnst.»
Sie zieht ein Gesicht. «Wenn es dir nichts ausmacht, bleibe ich lieber gleich bei der Ablehnung.»
Sein Hemd liegt nach dem Duschen mit einem Hauch Feuchtigkeit an seiner Haut. Er fährt sich mit einem Kamm durchs Haar, stellt sein Handy an und zuckt angesichts der langen Liste neu eingegangener Nachrichten, die sich durch das kleine Display schiebt, leicht zusammen.
«Okay», sagt er. «Ich muss los. Du nimmst dir was zum Frühstück, ja?» Er beugt sich über das Bett und küsst sie. Ihr warmer Körper riecht ganz leicht nach Parfüm und sehr sexy. Er atmet den Duft durch ihr Haar ein und lässt sich ablenken, als sie ihm die Arme um den Nacken legt und ihn zu sich herunterzieht.
«Fahren wir dieses Wochenende wirklich zusammen weg?»
Widerstrebend macht er sich von ihr los. «Kommt darauf an, wie der Deal läuft. Zurzeit hängt alles ein bisschen in der Luft. Es kann immer noch sein, dass ich nach New York muss. Aber auf jeden Fall können wir am Donnerstagabend irgendwo schick essen gehen. Du darfst das Restaurant aussuchen.» Er greift hinter der Tür nach seiner Motorradkombi aus Leder.
Sie verengt die Augen. «Abendessen. Mit oder ohne Mr. Blackberry?»
«Was?»
«Wenn Mr. Blackberry mitkommt, fühle ich mich wie das fünfte Rad am Wagen.» Sie zieht wieder ihren Schmollmund. «Als müsste ich mit jemand anderem um deine Aufmerksamkeit konkurrieren.»
«Ich stelle ihn auf lautlos.»
«Will Traynor!», schimpft sie. «Es muss doch möglich sein, dass du das Ding einmal ausstellst.»
«Das habe ich doch gerade erst heute Nacht gemacht, oder etwa nicht?»
«Aber erst nach heftiger Nötigung.»
Er grinst. «So nennt man das also heutzutage?» Er steigt in seine Lederhose. Der Bann ist gebrochen. Er nimmt die Motorradjacke und wirft ihr im Hinausgehen noch eine Kusshand zu. Auf seinem Blackberry sind zweiundzwanzig neue Nachrichten, von denen die erste nachts um 3 : 42 Uhr aus New York gekommen ist. Ein juristisches Problem. Er fährt mit dem Lift zum Parkhaus im Untergeschoss und versucht, sich einen Überblick über die Nachrichten zu verschaffen.
«Morgen, Mr. Traynor.»
Der Wachmann tritt aus seinem Häuschen. Es ist wetterfest, obwohl es hier unten kein Wetter gibt, vor dem man sich schützen müsste. Will fragt sich manchmal, was der Wachmann nach Mitternacht noch zu tun hat, außer auf den Bildschirm der Videoüberwachung und die glänzenden Stoßstangen von 60 000-Pfund-Autos zu starren, die niemals schmutzig werden.
Er streift die Lederjacke über. «Wie ist es draußen, Mick?»
«Schrecklich. Es gießt in Strömen.»
Will hält inne. «Wirklich? Also kein Wetter zum Motorradfahren? »
Mick schüttelt den Kopf. «Nein, Sir. Es sei denn, Sie haben ein Schlauchboot im Gepäck. Oder Selbstmordgedanken.»
Will betrachtet sein Motorrad, dann legt er die Ledermontur ab. Auch wenn Lissa es anders sieht, er ist kein Mann, der unnötige Risiken eingeht. Er schließt den Motorradkoffer auf dem Gepäckträger auf, legt die Ledermontur hinein, schließt wieder ab und wirft die Schlüssel Mick zu, der sie geschickt mit einer Hand auffängt. «Können Sie mir die in den Briefkasten werfen?»
«Kein Problem. Soll ich Ihnen ein Taxi anhalten?»
«Nein danke. Bringt ja nichts, wenn wir uns beide nass regnen lassen.»
Mick drückt den Knopf, um das Torgitter hochfahren zu lassen, und Will hebt zum Dank die Hand, während er hinausgeht. Der frühe Morgen schließt sich dunkel und lärmend um ihn. Obwohl es erst kurz nach halb sieben ist, herrscht im Londoner Zentrum schon dichter, zähflüssiger Verkehr. Will schlägt den Kragen hoch und geht mit langen Schritten die Straße entlang Richtung Kreuzung, wo er hofft, ein Taxi anhalten zu können. Die Straße ist schlüpfrig vom Regen, graues Licht spiegelt sich auf dem nass glänzenden Bürgersteig.
Er flucht tonlos, als er die anderen Anzugträger entdeckt, die an der Bordsteinkante stehen. Seit wann stehen eigentlich alle Londoner so früh auf? Alle hatten den gleichen Gedanken gehabt.
Er fragt sich gerade, wo er sich am besten hinstellen soll, als sein Telefon klingelt. Es ist Rupert.
«Ich bin auf dem Weg. Versuche gerade, eine Taxe zu bekommen. » Er sieht auf der anderen Straßenseite ein Taxi entlangfahren, dessen beleuchtetes Schild zeigt, dass es frei ist, und beginnt, dem Wagen mit langen Schritten entgegenzugehen. Er hofft, dass kein anderer dieses Taxi entdeckt hat. Ein Bus donnert vorbei, gefolgt von einem Laster mit quietschenden Bremsen, sodass er Rupert nicht mehr hören kann. «Ich hab dich nicht verstanden, Rupe», brüllt er über den Verkehrslärm. «Sag das noch mal.» Er steht jetzt auf einer Fußgängerinsel zwischen den Fahrbahnen, wird vom Verkehr umflossen wie von einem reißenden Strom und hebt die freie Hand zu dem leuchtenden Taxischild, wobei er hofft, dass ihn der Fahrer bei diesem heftigen Regen überhaupt sehen kann.
«Du musst Jeff in New York anrufen. Er ist noch auf, weil er auf deinen Rückruf wartet. Wir haben heute Nacht schon versucht, dich zu erreichen.»
«Was ist los?»
«Juristisches Hickhack. Bei zwei Vertragsklauseln mauern sie. Es geht um Absatz … Unterschrift … Papiere …» Seine Stimme geht im Geräusch eines vorbeifahrenden Autos unter, dessen Reifen zischend durchs Regenwasser pflügen.
«Das habe ich eben nicht mitbekommen.»
Der Taxifahrer hat ihn gesehen. Er fährt langsamer und verursacht eine kleine Fontäne aus Spritzwasser, als er am Straßenrand auf der anderen Seite anhält. Will sieht einen Mann etwas weiter weg, der seinen kurzen Spurt abbricht, als er erkennt, dass Will vor ihm bei dem Taxi sein wird. Will spürt ein flüchtiges Triumphgefühl. «Hör zu, sag Cally, sie soll mir die Unterlagen auf den Schreibtisch legen», schreit er ins Telefon. «Ich bin in zehn Minuten da.»
Er schaut nach rechts und links, dann zieht er den Kopf ein, um die letzten Schritte über die Straße zu dem Taxi zu rennen, die Adresse seines Büros liegt ihm schon auf der Zunge. Der Regen läuft ihm in den Kragen. Bald wird er bis auf die Haut nass sein, obwohl er nur ein kurzes Stück im Freien gelaufen ist. Vielleicht muss er seine Sekretärin losschicken, um ihm ein anderes Hemd zu besorgen.
«Und wir müssen mit dieser Unternehmensbewertung fertig werden, bevor Martin reinkommt …»
Ein kreischendes Geräusch lässt ihn aufsehen, es ist der schrille Ton einer Hupe. Er sieht die glänzend schwarze Seite des Taxis vor sich, der Fahrer lässt schon die Scheibe herunter, und am Rand seines Sichtfeldes bewegt sich etwas, das er nicht genau erkennt. Etwas, das mit unglaublicher Geschwindigkeit auf ihn zurast.
Er dreht sich danach um, und in diesem Sekundenbruchteil wird ihm klar, dass es ihn treffen wird, dass er keine Chance hat, dem Ding aus dem Weg zu gehen. Vor Schreck lässt er das Handy fallen. Er hört einen Schrei, der vielleicht sein eigener ist. Das Letzte, was er sieht, ist ein Lederhandschuh, Augen unter einem Helm, den Schock im Blick eines Mannes, der seinen eigenen spiegelt. Dann explodiert alles. Und dann ist da nichts mehr.Kapitel 1

2009

Es sind 158 Schritte von der Bushaltestelle bis nach Hause, aber es können auch 180 werden, wenn man langsam geht, weil man zum Beispiel Plateauabsätze trägt. Oder Schuhe aus dem Secondhandladen mit Plastikschmetterlingen an der Spitze, aber ohne Halt für die Ferse, weswegen sie vermutlich auch nur 1,99 Pfund gekostet haben. An der Ecke bog ich in unsere Straße ein (68 Schritte) und konnte schon unser Haus sehen – eine Doppelhaushälfte mit vier Zimmern in einer Reihe mit anderen Drei- oder Vier-Zimmer-Doppelhaushälften. Dads Auto war da, was bedeutete, dass er noch nicht zur Arbeit gefahren war.
Hinter mir ging über Stortfold Castle die Sonne unter, der dunkle Schatten der Burg glitt wie flüssiges Wachs über den Hügel, als wollte er mich überholen. In meiner Kindheit ließen wir auf der Straße unsere langgezogenen Schatten die Schießerei am O. K. Corral nachspielen. An jedem anderen Tag hätte ich jetzt vermutlich erzählt, was ich in dieser Straße alles erlebt habe. Wo mir mein Vater das Radfahren ohne Stützräder beigebracht hat; wo Mrs. Doherty mit der schiefen Perücke Rosinenbrötchen für uns gebacken hat; wo Treena ihre Hand in eine Hecke gesteckt hat, als sie elf war, und in ein Wespennest griff, sodass wir kreischend bis zur Burg hinaufrannten.
Thomas‘ Dreirad lag auf dem Weg durch den Vorgarten, und nachdem ich die Gartenpforte hinter mir zugemacht hatte, stellte ich es unter die Veranda und ging ins Haus. Die Wärme traf mich wie ein Schlag; Mum ist wahnsinnig kälteempfindlich und lässt die Heizung das ganze Jahr laufen. Dad reißt immer die Fenster auf und jammert, sie würde uns noch alle ruinieren. Er behauptet, unsere Heizungsrechnung wäre genauso hoch wie die Verschuldung eines afrikanischen Kleinstaates.
«Bist du’s, Liebes?»
«Ja, ich bin’s.» Ich hängte meine Jacke an die Garderobe, wo sie zwischen all den anderen kaum noch Platz hatte.
«Welches Ich? Lou oder Treena?»
«Lou.»
Ich ging ins Wohnzimmer. Dad lag bäuchlings auf dem Sofa, den Arm tief zwischen die Polsterung gesteckt, als wäre das Sofa lebendig und hätte seinen Arm verschluckt. Thomas, mein fünfjähriger Neffe, hockte vor ihm und beobachtete ihn genau. «Dieses Lego.» Dad sah mich an, das Gesicht rot vor Anstrengung. «Warum sie die verdammten Teile so klein machen müssen, werde ich nie verstehen. Hast du den linken Arm von Obi-Wan Kenobi gesehen?»
«Der hat auf dem DVD-Player gelegen. Ich glaube, Thomas hat Obis Arme mit denen von Indiana Jones vertauscht.»
«Tja, anscheinend kann Obi unmöglich braune Arme haben. Wir müssen die schwarzen Arme finden.»
«Das ist doch kein Problem. In Episode II hackt ihm Darth Vader doch sowieso den Arm ab, oder?» Ich tippte mit dem Finger auf meine Wange, damit Thomas mir ein Küsschen gab. «Wo ist Mum?»
«Oben. Sieh mal an! Eine Zweipfundmünze!»
Ich sah auf und hörte von oben ganz schwach das vertraute Quietschen des Bügelbretts. Josie Clark, meine Mutter, setzte sich niemals in Ruhe hin. Das war für sie Ehrensache. Es war sogar vorgekommen, dass sie draußen auf der Leiter stand, den Fensterrahmen lackierte und uns gelegentlich zuwinkte, während wir anderen beim Essen saßen.
«Könntest du mal nach diesem blöden Arm suchen? Ich bin schon eine halbe Stunde dabei und muss langsam zur Arbeit.»
«Hast du Spätschicht?»
«Ja. Und es ist schon halb fünf.»
Ich warf einen Blick auf die Uhr. «Eigentlich ist es halb vier.»
Er zog seinen Arm zwischen den Kissen heraus und sah auf seine Uhr. «Wieso bist du dann schon zu Hause?»
Ich schüttelte nur unbestimmt den Kopf, als hätte ich die Frage nicht richtig gehört, und ging in die Küche.
Großvater saß über ein Sudoku gebeugt auf seinem Stuhl am Fenster. Die Krankenschwester hatte uns erklärt, mit Sudokus könnte er nach dem Schlaganfall seine Konzentrationsfähigkeit trainieren. Wahrscheinlich war ich die Einzige, die mitbekam, dass er die Kästchen einfach mit irgendwelchen Zahlen ausfüllte, die ihm gerade in den Sinn kamen.
«Hallo, Großvater.»
Er sah auf und lächelte. «Möchtest du einen Tee?»
Er schüttelte den Kopf und öffnete leicht den Mund.
«Lieber etwas Kaltes?»
Er nickte. Ich machte den Kühlschrank auf. «Wir haben keinen Apfelsaft. » Apfelsaft war, wie mir jetzt wieder einfiel, inzwischen zu teuer für uns. «Da ist noch Limonade. Willst du die?»
Er schüttelte den Kopf.
«Wasser?» Er nickte, und als ich ihm das Glas gab, murmelte er etwas, das ein Danke gewesen sein konnte.
Dann kam meine Mutter mit einem Korb voll säuberlich gefalteter Wäsche in die Küche. «Sind das deine?» Sie hielt ein Paar Socken hoch.
«Die gehören Treena, glaube ich.»
«Dachte ich mir schon. Merkwürdige Farbe. Sind wohl mit Dads blauem Pyjama in die Maschine geraten. Du bist früh zurück. Willst du irgendwohin?»
«Nein.» Ich trank ein Glas Leitungswasser.
«Kommt Patrick später vorbei? Er hat vorhin angerufen. Hattest du dein Handy ausgestellt?»
«Mmm.»
«Er hat gesagt, er will euren Griechenland-Urlaub buchen. Dein Vater hat eine Sendung darüber im Fernsehen gesehen. Wo wolltet ihr noch mal hin? Ipsos? Kalypso?»
«Skiathos.»
«Ja, das war’s. Du musst genau aufpassen, welches Hotel ihr nehmt. Überprüf es lieber vorher im Internet. Dein Vater und Daddy haben im Mittagsmagazin so einen Beitrag gesehen. Anscheinend sind die Hotels bei der Hälfte der Billigangebote noch die reinsten Baustellen, und das merkt man dann erst, wenn man dort ist. Daddy, möchtest du einen Tee? Hat Lou dir keinen angeboten?» Sie setzte den Wasserkessel auf und sah mich an. Möglicherweise war ihr aufgefallen, dass ich die ganze Zeit nichts sagte. «Alles in Ordnung, Liebes? Du bist schrecklich blass.»
Sie streckte die Hand aus, um meine Stirn zu befühlen, als wäre ich viel jünger als sechsundzwanzig.
«Ich glaube nicht, dass wir in den Urlaub fahren.»
Die Hand meiner Mutter erstarrte. Sie sah mich mit ihrem Röntgenblick an, den ich seit meiner Kindheit kannte. «Gibt es Probleme zwischen Patrick und dir?»
«Mum, ich …»
«Ich will mich nicht einmischen. Aber ihr seid schon so lange zusammen. Da ist es ganz normal, wenn es mal nicht so gut läuft. Ich meine, ich und dein Vater, wir …»
«Ich habe meinen Job verloren.»
Meine Stimme hallte in der Stille nach. Die Worte schienen, noch lange nachdem ich sie ausgesprochen hatte, in der Luft zu hängen.
«Du hast was?»
«Frank macht das Café dicht. Morgen.» Ich streckte ihr den leicht feuchten Umschlag entgegen, den ich im Schock auf dem gesamten Heimweg in der Hand gehalten hatte. All die 180 Schritte von der Bushaltestelle bis nach Hause. «Er hat mir Geld für drei Monate gegeben.»

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Leseprobe – Das Kind, das Nachts die Sonne fand von Luca di Fulvio

Ab heute stelle ich euch jede Woche eine digitale Leseprobe vor. Wir starten mit dem aktuellen Buch „Das Kind, das Nachts die Sonne fand“ von Luca di Fulvio.

Das Kind, das Nachts die Sonne fand

In dem abgelegenen Landstrich, den man unter dem althergebrachten Namen Raühnval kannte, wurde wohl niemals mehr so viel unschuldiges Blut vergossen wie an jenem Morgen des 21. September im Jahr des Herrn 1407.

Die Sonne hatte sich erst vor Kurzem über dem schmalen, eisigen Tal erhoben, das von abweisenden,über zehntausend Fuß hoch aufragenden Gipfeln umgeben war, die es nicht nur schützten, sondern auch vor der Außenwelt abschirmten. Diese Gebirgskette im Osten des Alpenbogens bildete die Grenze der italienischen Halbinsel und trennte so das Tal deutlich vom übrigen Reich und dem Rest von Europa.
Herr über dieses Lehen war Fürst Marcus I. von Saxia, der Vater des Erbprinzen Marcus II. von Saxia. Der kleine Marcus II. von Saxia saß an diesem Morgen verschlafen, fröstelnd und nackt auf der mit warmen, weichen Gänsedaunen gefüllten Matratze seines riesigen Bettes und baumelte mit den Beinen in der Luft, obwohl er für seine neun Jahre recht groß gewachsen war. Seine Augen waren grün und blickten träge wie die einer Katze, die langen blonden Haare fielen ihm in glänzenden Locken auf die Schultern, und seine Haut war so weiß, dass man ihn für ein Mädchen hätte halten können.
Eilika, seine Kinderfrau, die sich Tag und Nacht um ihn kümmerte, ja sogar wie ein treuer Hund auf einem Strohlager am Fußende des Bettes ihres kleinen Herrn schlief, legte dem Jungen ein Leintuch um die Schultern, das sie zunächst in kochendes Wasser getaucht und dann ausgedrückt hatte. Der kleine Erbprinz stöhnte vor Behagen bei der Berührung mit dem warmen Tuch und schloss die Augen. »Versuch ja nicht, wieder einzuschlafen, Marcus«, ermahnte ihn Eilika, »oder die Krähe hackt dir dein Piephähnchen ab.«

Der Junge lachte und legte schützend eine Hand zwischen seine Beine.
Eilika tauchte noch ein Tuch in den Zuber, drückte es aus und verteilte ein wenig Lauge darauf. »Komm schon, kleiner Faulpelz, ich will dich einseifen.«
»Muss ich mich wirklich jeden Tag waschen?«, jammerte Marcus II.
»Die Befehle deiner verehrten Mutter müssen genau befolgt werden«, erwiderte Eilika. »Man soll doch sehen, dass du ein Prinz bist und über dem gemeinen Volk stehst, selbst ohne deine kostbaren Kleider. Deine Haut muss glänzen und duften, als wärst du ein kleiner Gott.«

»Waschen mag ich aber nicht . . .«, maulte das Kind.
»Das wissen wir sehr gut, Prinz Schweinchen«, sagte Eilika und hob ihn vom Bett herunter. Der Junge lachte, und als seine Füße den feuchten Steinboden berührten, fröstelte er wieder. »Mir ist kalt!«  »Kannst du nicht mal selbst aufpassen, wo du deine adligen Füße hinsetzt?«, sagte Eilika mit einem nachsichtigen Seufzen. Sie lenkte seinen Schritt auf ein dichtes Bärenfell, das als Teppich diente. Dann drehte sie ihn um und rubbelte mit dem lauwarmen Tuch seine Pobacken ab. Der Junge spitzte die Ohren. Die Geräusche von außen drangen nur gedämpft herein. »Warum ist es draußen so still . . .?« Fragend sah er seine Kinderfrau an, dann strahlten seine Augen plötzlich vor Freude auf. Die Kälte war schlagartig vergessen, als er sich Eilikas Bemühungen entwand und nackt, wie er war, zum Fenster rannte. Er zog sich an den Steinen des Mauervorsprungs hoch und sah nach, ob sein Eindruck ihn auch nicht getrogen hatte…….

Zur ausführlichen Leseprobe.

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